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29 Jun

Fokus Schultheater 2014

Schultheater performt Protest

Nach den 70, zugegebenermaßen anstrengenden Theaterminuten mit der 16-köpfigen Spielgruppe aus Meinerzhagen heißte es erstmal innehalten und sortieren. Einerseits faszinieren und überwältigen die Perfektion der Abläufe, die schier endlos dahinlaufenden Texte, die Themenfülle, die Bilder auf der Bühne und von den Videowänden, andererseits rumoren Zweifel, was hier der Zweck war. Anders gefragt: Was bleibt von Wenn nichts bleibt?

Auf jeden Fall eine Aufführung, der niemand absprechen wird, dass sie die Grenzen des Schultheaters in formaler Hinsicht überschritt. Denn das, worum es überhaupt ging, die Themen, die in diesem Stück "Flächentext" im Stil von "Culture Jamming" oder "kommunkationsguerilla" fließend, brüchig, überraschend, verwirrend ineinandner gewoben sind: Schulleistung, Versagensängste, gesellschaftliches Funktionieren, Inhaltsleere des Fernsehens, Verlorenheit in den sogenannten sozialen Medien, leere Versprechungen der Politik und die Erkenntnis, dass das alles irgendwie ganz eng miteinander zusammenhängt. Die Gruppe aus Meinerzhagen bietet sozialkritisches Theater, das inhaltlich über zahlreiche Grenzen geht. In der sprachlichen Form wird hier vor allem behauptet, deklamiert, gejammert, angeklagt, laut, schnell und ausdauernd. Persönliche Schülererfahrungen mischen sich mit literarischen Nachbildungen, sozialen, politischen, wirtschaftlichen und bildungstheoretischen Statements, chorisch oder individualisiert ins, auch im Publikum vorgetragen, selten im Dialog, immer in den Raum gestellt, konfrontativ.

 

Culture Jamming und Kommunikationsguerilla

Wenige Sätze prägen sich ein, wenn sie leitmotivartig wiederholt werden, z.B. "Wer ein System bedient, sollte verstehen, wie es funktioniert." Das System der Inszenierung aus Nordrhein Westfalen setzt zunächst alles daran zu überraschen, zu überwältigen, zu überfordern, versucht damit, das System einer Welt abzubilden, die in ihrer Undurchschaubarkeit landauf landab beklagt wird. Dazu trägt neben den Text- und Sprachbrüchen die Verteilung des Geschehens auf drei Spielräume bei, die in bewundernswerter Weise aufeinander bezogen sind: Der Zuschauerraum, der berannt, beraunt oder mit Plakaten beklebt wird, die Bühne, auf der außer ein paar fixen Konferenztischen Kartons zu Mauern, Barrikaden oder Schiffsrahmen umgebaut werden können, und eine Projektionsfläche über die ganze Bühnenrückseite, die von drei Beamern bespielt wird. Die präsentierten Videos haben verschiedene Quellen, bestehen teilweise aus Live-Aufnahmen von der Bühne aus unterschiedlichen Perspektiven, sind vielfach auch in ausgezeichneter Qualität vorproduziert und nutzen die Rückwand extrem wirkungsvoll vom Cinemascoop-Breitbild bir zur Kachelung in Art einer Monitorwand.

Aus diesem Fundus theatraler Möglichkeiten baut die Gruppe unter der Leitung von Thomas Erdmann eine unzählige Menge an starken, weil kontrastreichen Bühnenmomenten. Einige Beispielsequenzen: Vor der Breitbildprojektion eines Blaulichts antwortet unisono die im Bühnenraum verteilte Gruppe einem Spieler auf dessen katalogartig vorgetragenen, politisch aktuellen Fragen stets nur: "Alternativlos!" Aus der Menge spaltet sich eine kleine Protestgruppe nach vorn ab, die mit geschwungener Faust politische Kampfparolen skandiert: "Protest ist.../Widerstand ist.../ Gegen einen Staat, der ...". Der andere Teil der Spieler zieht sich nahezu unauffällig in den hinteren Teil der Bühne zurück. Nach einem polizielichen Zwischenruf aus dem Off: "Die Demonstration ist nicht genehmigt!" flüchten alle bis auf einen Spieler von der Bühne.

Revolution und Sozialkritik

Das Videobild wechselt und zeigt jetzt die Projektion mehrerer kreisförmig angeordneter Ketten aus Nullen, die alle auf ein schwarzes Loch zulaufen. Auf der Spielfläche bleibt der Rädelsführer, der bruchlos von einer Dame mit Sonnenbrille und lässigem Staubmantel so lange nach der Selbstbeurteilung seiner Schulleistungen gefragt wird, bis er zugibt, dass er statt einer knappen Vier doch wohl eher die Fünf verdient hätte. Abgang. Eine Putzfrau beklagt keifend den Unsinn von Theaterunterricht und rechnet vor, wie viel Steuergelder von den Lehrern im Saal durch ihre Anwesenheit verschwendet werden.

Dieses Intermezzo ist einer der Momente, an denen sich eine humorvolle Seite der Aufführung zeigt. In diesem Sinne bleibt noch eine andere Szene in Erinnerung: Ein leichter Cha-Cha-Cha hat eingesetzt, buntes Licht blinkt auf, die Kartons sind so in der Bühnenmitte aufgebaut, dass sie Tore freilassen, Paare tanzen im Hintergrund, auf der Videoleinwand blinkt in übergroßen Lettern: "Bitte warten." Eine Schülerin an der Bühnenrampe beantwortet jetzt im Stile von automatisierten Telefonzentralen Anrufe. Ein Herr tritt nach vorn, reißt sich ein goldenes Jäckchen und Hütchen vom Leib und brüllt, dass niemand vom Fernsehen die Wahrheit erwarten soll. Darauf die Telefondame verbindlich und nett: "Wir sind darüber informiert, bitte haben sie einen Augenblick Geduld." Einer anderen Anruferin, die an einer Castingshow teilgenommen hat und hysterisch ihre Würde wiederhaben möchte, empfiehlt sie, ruhig zu bleiben und tief durchzuatmen. Dann legt sie schnell auf. Das sind wunderbare Momente der Ironie.

Strategie der Gehirnwäche

So reihen sich die Geschehnisse aneinander, aus denen als Ankerpunkte einige thematische und formale Eigenarten herausragen. Es gibt Personal, das dem Zuschauer mit der Zeit vertrauter wird: Zwei Frauenfiguren, eine Managerin und eine Mafiosa, die als reflektierendes Mastermind- und Macht-Duo der Aufführung auftreten, die schon erwähnte Reinemachefrau, Stimme des Volkes, eine Lehrerfigur im schwarzen Sakko, ein Revolutionär im Viva la Vida T-Shirt oder eine Schülerin, die weinerlich die Lethargie der Welt beklagt. Neben diesen wenigen dominierenden Individuen setzt die Produktion ganz auf die Kraft, die sich im Kollektiv entfaltet, da alle akzeptieren, theatrale Zeichen und keine Charaktere zu sein. Der Zuschauer nimmt so teil am Abbild einer medialen, politischen und sozialen Welt, in der er sich, wie heute allgemein behauptet wird, selbst verliert.

Die Gruppe setzt mit ihrem Konzept auf eine gewisse Strategie von Gehirnwäsche, durch die der Zuschauer jedoch nicht die Orientierung verlieren, sondern durch Überwältigung, Assoziationsarbeit und Reflexion einen Standpunkt gewinnen soll. Oft wird betont, wie wichtig es wäre, "ein rationaler Egoist" zu werden, "zur Besinnung" zu kommen oder auch "Verantwortung zu übernehmen". Um zum Nachdenken zu kommen, folgt dem "Wahnsinn", der da in den ersten zwei Dritteln der Aufführung aufgeführt wird, ein insgesamt ruhiger angelegter letzter Teil mit einem deutlichen Lösungsangebot. Es hilft keine Revolution in einem System, das alle genaustens überwachen kann, denn dieses wird alles tun, um solche Aktivitäten zu zerschlagen. So die These einer überaus kämpferischen Szene, für die sich die Spieler hinter Kartonbarrikaden verschanzt haben. Die Videowand zeigt auf "Überwachungsmonitoren" mehrere Live-Perspektiven auf die Protestierenden, eine Voiceover Stimme spricht davon, alles zu wissen und vor nichts zurückzuschrecken: "Wir wissen alles, ihr träumt zu viel - ihr seid terrorverdächtig." Musik eines trägen Poptitels setzt ein, wird zunehmend lauter. Zwischen den Barrikaden springen Menschen hektisch hin und her, fordern Solidarität, Hilfe, Verständnis und ihr Recht auf Protest ein. Währenddessen gelingt es ihnen, eine gemeinsame Mauer zu errichten und "Freiheit" zu rufen, bevor die Stimme aus dem Nichts, jetzt als Projektion eines Gesichtsreliefs aus Nullen und Einsen letztendlich alle in die Flucht durch den Zuschauerraum schlägt. Damit sind alle Veränderungen der Verhältnisse nur mehr individuell denkbar. Dass das in einer medial überbordenden, faktenorientierten Welt einen Kraftakt bedeutet, bringt sinnfällig ein Spiel auf die Bühne, das den Spieler im Sakko, den "Lehrer", im Dialog mit seinem digitalen Ego auf der Leinwand zeigt. Die virtuelle Kopie erinnert sich genauer in der Biografie, weiß exakter Bescheid über Leidenschaften und ist ehrlicher. Mit diesen Qualitäten verunsichert es das analoge Individuum so lange, bis es ihm hörig wird und brav nachplappert, dass zwei mal zwei fünf ist. Die Intensität dieser aufklärend angelegten Schlussphase kann in ihrer Weinerlichkeit, ihrer Anklage, ihrer Moralisierung nicht mit der Kraft der Performance der ersten Teile mithalten. Der Zuschauer, der vorher mürbe gespielt wurde, ist jetzt müde - oder überwach, auf jeden Fall eher unterfordert. Dabei läuft die Theatermaschinerie in der gewohnten Perfektion, nur nicht im gleichen Tempo weiter.

Daher rührt wohl am Ende der Zweifel gegenüber dem Gesehenen. Der Agitationsmodus im Großteil dieser Aufführung wird, bei allem Wahren und Unbestreitbaren, das da politisch, bildungstheoretisch und sozial behauptet wurde, nicht vom Schlussteil adäquat aufgefangen. Die Leistung der Gruppe, was die inhaltliche Reichhaltigkeit, die technische Perfektion, die Spieldisziplin, die sprachliche Kraft, die Sicherheit in den Übergängen und das Zusammenspiel auf allen Ebenen angeht, verdient allerhöchsten Respekt. Ebenso der Mut, sich auf einen solchen theatralen Grenzgang, Risiko des Scheiterns inbegriffen, einzulassen.

 

Michael Aust- Fokus Schultheater 2014

Thomas

Mitglied seit

2 Jahre 6 Monate

Thomas Erdmann ist Lehrer für Mathematik und Physik.