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23 Mai

Meinerzhagener Zeitung, 23.Mai 2016

"Das Schlimme am Krieg ist, dass er uns die Jugend nimmt."

Gymnasiasten-Trio beeindruckt mit Theaterstück "Auf den Bildern, die wir kannten"

Meinerzhagen- Mit einer beeindruckenden Leistung empfahlen sich Sofie Sperling, Lasse Albrecht und Phil Niggemann für die Schul- und Jugendtheatertage im Theater Hagen. Souverän und spannend präsentierten die Schüler am Freitagabend in der Aula des evangelischen Gymnasiums Meinerzhagen das Stück "Auf den Bildern, die wir kannten", dessen Text vor allem auf Aufzeichnungen von Jugendlichen aus der Zeit von 1933 bis 1945 zurückgriff.

Anderthalb Jahre hatte eine Arbeitsgemeinschaft Dokumente gewälzt, Text gelesen und so zusammengestellt, dass diese in einem gut 90-minütigem Stück die Geschichte der nationalsozialistischen Terrorherrschaft von der Machtergreifung am 30.Januar 1933 bis zur Kapitulation am 8.Mai 1945 erzählten.

Alleine die Textmenge bedeutete schon eine große Herausforderung für die jungen Akteure, die auf dem Weg zur Bühnenreife von Lehrer Thomas Erdmann begleitet wurden. Denn die Texte standen im Miteelpunkt des Stückes, das in einem nüchterenen, aber aussagekräftigen Bühnenbild mit wenigen Requisiten spielte: Kleine Scheinwerfer ließen an große Verhörlampen und ihre großen Verwandten denken, die zunächst zum bösen Zauber von Massenveranstaltungen beitrugen und in den letzten Kriegsjahren den Himmel nach anglo-amerikanischen Bomberverbänden absuchten. Spendendosen verwiesen auf eine zentrale Aufgabe der "deutschen" Jugend.

Ein Rednerpult mit Mikrophon bot den Ort, von dem aus politische Stellungnahmen und diskriminierende "Rechts-"Verordnungen der Nazis verkündet wurden - so etwa die Nürnberger Rassengesetze von 1935 oder die Regelungen nach der Reichsprogromnacht am 9. November 1938, als Juden auch noch die Zerstörung des rassistischen Mobs zahlen sollten. Baldur von Schirach verkündete 1937: "Alle Jugend dem Führer!", und diese Jugend nahm sehr bald den Druck des Stroms, der Masse und des sogenannten Volkes wahr.

Dass die  Reden im 1000-jährigen Reich Männersache waren, spiegelte auch die Besetzung am Mirkeofon wider. Sofie Sperling lieh ihre Stimme o-Tönen von Sophie Scholl und weiteren kritischen Stimmen zum völkischen Wahnsinn und dem Irrsinn eines Vernichtungskrieges: "Ich glaube, das ist das Schlimme am Krieg, dass er uns die Jugend nimmt."

Phil Niggemann zeigte sich der großen Herausforderung gewachsen, auch jene Stimmen hören zu lassen, die die jugendliche Faszination für Führer, Volk und Vaterland schilderten: "Es wurde Härte und blinder Gehorsam eingedrillt." Das mochte für heutige Ohren sogar kritisch klingen. Doch es folgte ein zweiter Satz: "Das imponierte uns."

Phil musste in dieser Rolle des sinnlos kämpferischen Jugendlichen durchhalten bis zum Volkssturm und damit dem bitteren Ende: "Wir werden weitermarschieren, wenn alles in Scherben fällt, denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt."

Matürlich blieb weder den Schauspielern noch dem Publikum das widerwärtige Nazi-Gefasel mit seinen Stereotypen über die angebliche rassische Unterlegenheit der Juden erspart. Die O-Ton Collage wollte allerdings auch keine leichte Kost sein und entwarf ein beklemmendes Panorama desvölkischen Größenwahnsinns und der Untergangsphantasien, mit denen die Nationalsozialisten einen ganzen Kontinent ins Unglück stürzten.

Diskussionsrunde mit Akteuren und Regisseur

"Immer wenn wir die Nazizeit besprechen, werden die Ereignisse aus der Sicht von Erwachsenen geschildert", merkte eine Schülerin im anschließenden Gespräch mit den Akteuren und dem Regisseur Thomas Erdmann an. Es sei deshalb gut, dass dieses Stück schildere, wie die Jugendlichen damals gefühlt hätten.

 

Meinerzhagener Zeitung, 23.Mai 2016 - von Thomas Krumm

Thomas

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2 Jahre 6 Monate

Thomas Erdmann ist Lehrer für Mathematik und Physik.