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11 Sep

Festivalzeitschrift SDL 2014 Saarbrücken

Wenn nichts bleibt?

Alles wurde bespielt: die große Bühne, die Seitenräume, das Publikum. Aktion allerorts. Bewegung, Unruhe, Chaos – Leben! In einem engen Raum ist die Thematik der Gruppe aus NRW nicht darstellbar. Was wir sahen, ist dokumentarisches Theater, durchsetzt mit performativen Elementen. Was wir sahen, ist Theater, welches unmittelbar in die Realität führt und dem Zuschauer unmissverständlich zeigt, dass jeder selber handeln muss. Handeln gegen Enge, Überwachung, Kontrolle, Unzufriedenheit, fremde Selbstbilder – wo soll ich aufhören?

Die Gruppe vollführt einen Rundumschlag, quer durch alle Themen, die Jugendliche beschäftigen. Eine Identifikation mit der Thematik und Problematik ist allerorts möglich.

Und hier gelingt der Kunstkniff: die Schauspieler haben nicht nur für das Publikum gespielt, sie haben mit dem Publikum gespielt. Ein jeder kennt das Phänomen, dass Wiederholungen dazu dienen, den Inhalt im Gedächtnis zu verankern und gleichzeitig den Betrachter abstumpfen, weniger sensibel werden lassen. Es ist kein Zufall, dass Themen immer wieder auf ähnliche Weise hervorgebracht wurden: man tappt in eine Wiederholungsfalle und vergisst die damit einhergehende Gefahr. Mehr noch: Man nimmt das Gezeigte an oder kümmert sich nicht mehr darum.

Neben der Bewegung und Action auf der Bühne ist die wunderbare technische Umsetzung der Idee hervorzuheben. Mit ausgetüftelten Einfällen und deren präziser Umsetzung wird der Zuschauer mit einem zweiten digitalen Ich des Schauspielers konfrontiert, das nicht nur fasziniert, sondern auch Angst macht.

Der technisch enorm hohe Aufwand gerät dabei nie zum Selbstzweck oder steht für sich – er ist stets Handlungsträger und untrennbar mit den Handelnden auf der Bühne verbunden. Interessant dabei der Gegensatz auf der Bühne: Mit leeren Verpackungskisten werden in Windeseile Bühnenbilder gebaut. Man nimmt an einer Schifffahrt teil und befindet sich in der Arena einer Castingshow. Auch hier findet ein Spiel mit dem Zuschauer statt: Das Switchen zwischen verschiedenen Räumen, Rollen und Themen gelingt. Die Vielfalt ist überfrachtend, aber wirklich. Die Bilderflut ist überfrachtend, aber wirklich! Die Sicherheit des Lehrers auf der Bühne weicht einer Unsicherheit und mündet in eine Ohnmacht. Der Begriff „Ohnmacht“ trifft die Aussage ins Mark: Der Mensch ist seiner Macht beraubt ohne es zu merken, er steht ohnmächtig in seinem eigenen Leben und ist insgeheim auf der Suche nach Freiheit. Wie sich diese jedoch gestalten lässt, bleibt den Ideen der Zuschauer überlassen.

Wir sahen ein intelligentes, anstrengendes Stück. Dies muss es sein, dies soll es auch sein. Die Botschaft ist der Titel: wenn nichts bleibt. – Es ist an uns, dies zu ändern. Diese individuelle Ansprache wird durch Austauschbarkeit der Figuren, Figurensplitting und verwirrende Choreografien gezeigt. Lediglich die Ansagerinnen an den Seiten bieten scheinbare Orientierung. „Wenn nichts bleibt“, muss man etwas Neues schaffen. Neu und frei sollte es sein, fernab von Kontrolle, Überwachung und Likes. Fernab von Technik und digitalen Nachrichten. – Hin zum Menschen, hin zum Leben! Diesen Aufruf haben wir gehört und sagen: danke NRW, euer Eindruck wird bleiben.

 

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