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Schultheater wird meist den Sprachlehrern überlassen: Deutsch und Englisch, vielleicht Französisch, Spanisch, Latein. Nicht ganz so am Evangelischen Gymnasium in Meinerzhagen. Selbstverständlich spielen auch hier die Deutschkollegen, aber in der Hauptsache spielt einer, der das gefürchtetste Schulfach an sich unterrichtet: Mathematik.

 

Man stelle zwei Regeln auf und übe sie ein. Nach und nach kommen neue hinzu“, erklärt Thomas Erdmann und malt ein Gebilde in die Luft. „Das gibt am Ende ein Riesenkonstrukt, das niemand braucht. Aber es ist aufregend.“ Natürlich spricht er vom Theater und nicht von der Mathematik. Oder etwa doch? Jedenfalls ist er in seinem Element: Er spielt mit Gedankenfetzen, kombiniert, improvisiert. „Hauptsache, es macht Spaß“, sagt er und guckt plötzlich ganz ernst.

 

Seit mehr als 20 Jahren steht Thomas Erdmann auf der Bühne: Als Schüler spielte er in der Theatergruppe der Evangelischen Kirchengemeinde Köln-Dellbrück seine ersten Hauptrollen, darunter den Andri in Max Frischs „Andorra“. Seitdem hat er nicht mehr aufgehört: In Bonn spielte er in der Theatergruppe der Evangelischen Studentengemeinde, durchlief einen Theaterkurs und Ensembletraining bei einem Freien Theater, bekam abendfüllende Rollen. Das Freie Theater gibt es immer noch, auch abendfüllende Rollen spielt er immer noch: Hamlet zum Beispiel. Aber nicht den klassischen, gewohnten, sondern ein „Hamlet“-Konzentrat für zwei. Sie spielen 50 Aufführungen in fünf Jahren, anfangs zwei, drei Mal pro Woche.

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 „Stell’ dir vor, du stehst auf der Bühne, und es entsteht eine Geschichte“, schwärmt Thomas Erdmann von einem anderen Stück, das „tabula rasa“ hieß: Man decke einen Tisch für vierundzwanzig Zuschauer und sechs Schauspieler und fange an, mit dem üblichen Esstisch-Alltag zu spielen. „Man setzte sich neben sie, machte Liebeserklärungen und Komplimente“, erzählt er und meint die Zuschauer bzw. -innen, „aber nie hat jemand mitgespielt und etwas gesagt.“ Dabei hätte er es sich so sehr gewünscht. Mit seinem Theaterchef versteht er sich blendend, denn auch der experimentiert gerne: Er ist Ingenieur von Beruf.


Thomas Erdmann ist Lehrer für Mathematik und Physik. Wie sein Vater. „Schulrechnen ist langweilig, aber richtige Mathematik macht Spaß“, sagt er. Genauso wie die Bühne, der Probenstress – das ganze Theater. Er hat nicht nur einmal darüber nachgedacht, Schauspielen zum Beruf zu machen. Warum also dann doch die Schullaufbahn? „Mir fehlt der Mut zur Unsicherheit“, gibt er ohne Zögern zu. Thomas Erdmann wohnt mit seiner Frau und zwei kleinen Jungs in der oberbergischen Idylle – und will da auch gar nicht wieder weg. Er mag Milchkaffee und Heinz Rudolf Kunze („Ich habe nie gesagt, du musst/um mich zu mögen/mich ganz verstehen“).

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 Was seine Theaterschüler lernen müssen, ist, dass „der Herr Erdmann“ zwar ein Profi ist, aber keiner, der mit einem Patentrezept kommt. Einer, der vieles nicht ernster nimmt als es ist, aber dann, wenn jemand „Ja“ gesagt hat, Leistung fordert. Einer, der Zeit gibt, und der Zeit hat. Loslassen, spielen, nicht mehr denken – das ist es, worauf er hinauswill. Aber bitte nicht ohne Sinn und Verstand. „Theater ist wie Mathematik“, sagt er und guckt schon wieder ganz ernst. Im Augenwinkel glimmt der Schalk.

Ich liebe es, Theater zu spielen. Es ist so viel realistischer als das Leben.

Oscar Wilde

 

Sehn wir doch das Große aller Zeiten auf den Brettern, die die Welt bedeuten, sinnvoll still an uns vorübergehen.

Friedrich von Schiller

 

Wahres Leben ist nicht notwendigerweise gutes Theater.

 

Ein Theaterstück, selbst ein zorniges, ist unter anderem immer auch ein Liebesbrief, gerichtet an die Welt, von der sehnsüchtig eine liebevolle Antwort erhofft wird.

Henry Miller